Tulpa - Temple of Wounds

Tulpa – Temple of Wounds

Folter Records
2024

Kapellen, die Black Metal und Crust miteinander vermengen, gibt es mittlerweile ja bekanntlich wie Sand am Meer. Doch Bands, die aus dieser Masse herausstechen, aber umso weniger. Eine davon sind vielleicht Tulpa aus dem schönen italienischen Parma. Von ihnen liegt mittlerweile der zweite Langspieler „Temple of Wounds“ bei Folter Records vor.

Schönes düsteres Artwork, ebenso stimmungsvoll düsteres Intro mit Synthie-Teppichen und krudem Geflüster, und schon geht es los mit dem Opener „Healing“, der zunächst mit doomig schleppenden Gitarren aufwartet, um dann unvermittelt in Gerase auszubrechen, das dann wieder in typisch crustige D-Beats übergeht. Soweit alles bekannt, und das alles in unter zwei Minuten Spielzeit.

Und doch ist etwas ein wenig anders: Wo Tulpas Erstling „Unhealed“ sowohl in Sachen Produktion als auch beim Songwriting noch ziemlich Crust- bzw. Death-Metal-lastig unterwegs war, sind die melancholischen Elemente und vor allem die Black-Metal-Parts auf „Temple of Wounds“ deutlich präsenter- und das tut der Scheibe äußerst gut. Tulpa beweisen ein Händchen für schwermütige Melodien und abwechslungsreiche Songstrukturen, mit wenig Längen und dafür umso mehr Breaks und Kontrapunkten, die beim Lauschen der gut eine Dreiviertelstunde langen Scheibe ständig aufs Neue aufhorchen lassen.

Doomige Parts, cleane Gitarreninterludien, Tremologitarren und Crust-Punk-Beats wechseln sich so stimmig ab, als würden Tulpa hier gar keine Musikrichtungen miteinander mischen; sie tun geradezu einfach so, als wäre das alles eine eigenständige Einheit und in der Form schon immer da gewesen. Dazu trägt auch die schön erdige, unprätentiöse und gleichzeitig eingängig klare Produktion bei, die die melancholische Grundstimmung des Albums wundervoll unterstreicht. Vor allem im Vergleich zum Vorgängerwerk, dessen Produktion noch deutlich klassischer crustiger, scharfkantiger und sägender war, hat bei Tulpa eine echte Entwicklung hin zu Vielschichtigkeit und Eigenständigkeit stattgefunden.

Einziger Wermutstropfen: Das Album ist mit 47 Minuten einfach ein bisschen lang, vor allem, weil das letzte Drittel der Scheibe in Sachen Spannungsbogen ein bisschen schwächelt. Die beiden letzten Tracks, „Zerotonin“ und „Buried in a Hourglass“ plätschern nur noch ein bisschen vor sich hin, bevor „Temple of Wounds“ dann mit einem gitarrengetriebenem Outro im Nirgendwo versanden.

Doch dieses Manko kann der Rest des Albums mühelos ausgleichen, allen voran das biestig-bissige „Syskäathr“ und „No One Wins“, dessen Build-Up am Ende in wunderschön bittersüßen Tremologitarrenmelodien mündet. „Temple of Wounds“ machen Lust auf mehr, wo etliche Crust-Black-Metal-Bands in den immer gleichen Produktionsstandards und Songwriting-Versatzstücken stecken bleiben. Zauberhaft!

Tracklist
1. Scatter My Ashes…
2. Healing
3. Temple of Wounds
4. No One Wins
5. Drops of Silence
6. Syskäathr
7. Zerotonin
8. Buried in a Hourglass
9. …in the Ahr

Geschrieben von Jonas am 14. Januar 2026