Blurr Thrower - Les Voûtes

Blurr Thrower – Les Voûtes

Les Acteurs de l’Ombre Productions
2021

Bei französischem Black Metal denkt man ja gemeinhin eher an rohe, kakophonische Musikexzesse à la Deathspell Omega, Antaeus, Blut aus Nord oder Merrimack. Das Ein-Mann-Projekt Blurr Thrower schlägt diesem Herkunftsklischee allerdings ein Schnippchen. Geboten wird stattdessen Atmospheric Black Metal, der Anleihen aus dem Depressive Suicidal Black Metal hat, aber vor allen Dingen massig Inspiration aus dem Cascadian Black Metal zieht, also jener Spielart das atmosphärischen Black Metals aus den Staaten, die gerne mit Post-Rock liebäugelt, von bärtigen Hipstern gespielt wird und ein Faible für Gitarrenflächen und 20-Minuten-Songs hat. So das Klischee.

Bei „Les Voûtes“ handelt es sich um die erste Full-Length von Blurr Thrower nach der ersten EP „Les Avatars du Vide“ aus dem Jahre 2018. Vier Songs, fast alle mit Überlänge, bekommen wir zu hören. Und es gibt einiges Interessantes zu entdecken: Blurr Thrower mischen sägende DSBM-Gitarren und passende, hohe und unverständliche Screams mit einer druckvollen, organisch produzierten Rhythmusfraktion. Diese Kombination funktioniert über die knappe Dreiviertelstunde Albumlänge völlig phantastisch und nimmt den Hörer mit auf eine Reise der emotional-düsteren Ekstase, tiefer Verzweiflung und Zerrissenheit.

Dabei sind die Gitarren fast schon Nebensache und gar nicht mal so aufregend. Zu hören gibt es weithin bekannte Tremolo-Standardkost. Sie setzen hier für sich allein wenig eigenständige Akzente und rücken häufig sogar musikalisch in den Hintergrund. „Le Voûtes“ erhält seinen Reiz stattdessen durch die famose, klare Produktion und die unfassbar geschmackvollen Rhythmusarrangements zwischen Bass und Schlagzeug.

Schon der Opener „Cachot“ beeindruckt durch interessante, vertrackte Beckenspielereien, heftig groovende Beats und Breaks, die die omnipräsenten Blastbeat-Schredder-Flächen in den immer exakt richtigen Momenten aufbrechen. Rhythmisch derart interessanten Atmospheric Black Metal hört man wahrlich selten. Und auf dem Level bleibt dann auch das ganze Album: Die einzelnen Stücke stehen nicht für sich, sondern verschmelzen zu einem großen, organischen Ganzen. Trotzdem bieten sich dem Hörer auch auf der Gesamtlänge ständig neue Fixpunkte und Motive, an denen er sich festhalten und von denen ausgehend er die Vielschichtigkeit des Albums entdecken kann. Und das alles, ohne dass die atmosphärische Dichte des Albums irgendwie zerhackt wird.

Keyboards gibt’s auch: Allerdings weniger als dauerpräsenten Klangteppich, der alles zukleistert, sondern in Form von ambientartigen Interludien. Die lockern das Gesamtbild auf, schaffen Spannungsbögen und harmonische Übergänge. Und sind dabei doch quälend düster, schwermütig und emotional zerrissen.

„Les Voûtes“ macht im Vergleich zum Vorgänger „Les Avatars du Vide“ in Sachen Produktion, Arrangements, Vielschichtigkeit und technischer Versiertheit fast schon einen Quantensprung. Blurr Thrower ist hier ein kleines Juwel gelungen, insbesondere durch die eigenständigen Arrangements und das Gefühl für Rhythmus, Groove und atmosphärische Dichte. Eine emotionale Reise, depressiv, ruhig, ekstatisch und wunderschön. Und das, obwohl „Les Voûtes“ das Rad beileibe nicht neu erfindet. Doch die schiere musikalische Raffinesse, die geschmackvollen Spielereien und die Tatsache, dass das alles hier extrem stimmig und schlüssig präsentiert wird, wissen zu beeindrucken. Wer depressiven, atmosphärischen sowie Cascadian Black Metal mag oder einfach mal hören möchte, wie eine spannende Rhythmusfraktion einschlägt, wo man sie eher nicht erwarten würde, der sollte dieses Werk unbedingt antesten!

Tracklist
1. Cachot
2. Germes Vermeils
3. Fanes
4. Amnios

Geschrieben von Jonas am 15. März 2021