Elli Riehl - Die Kornmuhme & Mjöðr Ylgjar - World of Stone

Elli Riehl – Die Kornmuhme / Mjöðr Ylgjar – World of Stone

Only the Sun Knows Records
2020

Die neuste Veröffentlichung des kleinen, aber feinen Labels Only the Sun Knows Records ist eine Doppel-CD, oder besser gesagt ein Split-Album, welches mittels einer einheitlichen, sehr stark nach außen wirkenden visuellen Zeichenkunst von Markus Wolff zwei außergewöhnliche Musiker ganz unterschiedlichen Charakters unter einem Dach zusammenführt. Der erste Künstler arbeitet unter dem Namen Mjöðr Ylgjar und zelebriert seinen ganz individuellen Musikstil, den er als Indo-European Ritual Doom Industrial bezeichnet. Allen, die bei dieser Bezeichnung gleich ein Schwindelgefühl verspüren, möchte ich eine Entwarnung aussprechen, denn die Musik kann wirklich was! Als Kontrast dazu kommt auf der zweiten CD der Österreicher Elli Riehl zum Zuge, der hier bereits zum sechsten Mal einem sehr eigenartigen Album im wahrste Sinne des Wortes Leben einhauchte. Sein Spezialgebiet ist eine recht ausgewogene Mischung aus Organic Dark Drones, Prog-Rock und einer Prise Black Metal. Und das klingt genauso spannend wie es einem auf der Zunge zergeht. Aber widmen wir uns nun einzeln den beiden Werken zu.

Fangen wir mit Mjöðr Ylgjar und „World of Stone“ an. Was man hier zu hören bekommt, ist definitiv sehr außergewöhnlich und ebenso gewöhnungsbedürftig. Elektronische Klänge dominieren von Anfang an diese zerklüftete Musiklandschaft und lassen einen eher an eine Abart von EBM oder ein misslungenes Gothic-Experiment als an einen paranormalen Metal-Auswuchs denken. Letztendlich ist es aber nichts von alldem, sondern doch nur der schon oben benannte Eigenstil, der mehr Fragezeichen als Antworten aufwirft. Um das zu verstehen, muss man es sich schon selbst anhören. Doch ich versuche dieses musikalische Neutrum hier kurz bildhaft zu beschreiben. Schon der erste Song „Falx“ ist so aufgebaut, dass er durchgängig das Gefühl eines sich anbahnenden Sturms vermittelt. Eine hallende, metallische Stimme, die irgendwann in einen tiefen Gesang überwechselt und somit die einzige, nur tangierende Parallele zum Black Metal oder Death Doom herstellt, erschafft dabei eine bedrückende, aber auf eine unbestimmte Manier auch heilige Stimmung. Zweifelsfrei, dem Song wohnt eine gewisse Mystik inne, die zum Weiterhören animiert. Das ganze Gebilde fühlt sich an wie eine Reise durch eine Welt voller Magie, wo jeder Tritt das Verderben bedeuten könnte. „Spear-Rain“ ist noch abstrakter, teils mit hintergründigen, einlullenden Chorgesängen verwoben, teils mit kosmischen Lauten untermalt. Es sind moderne Klänge, die dennoch altertümliche Gefühle erwecken – eine seltene Kunst, die Bilder in Köpfen entstehen lässt, auch wenn diese durch die Visualisierung von Markus Wolff sowie die Titelgebung der vier Stücke schon in eine ganz bestimmte Richtung gelenkt werden. Wer auf kuriose Kuriositäten steht, der ist hier goldrichtig!

Die Musik von Elli Riehl ist dagegen viel bodenständiger. Sie ist absolut naturbezogen, sie zieht den Hörer förmlich auf den nackten Mutterboden, damit er im Schmutz und Staub, im Duft der nassen Erde zu seinem wahren animalischen Wesenszug wiederfindet. Jetzt schon neugierig geworden? Dann werdet ihr beim Hören hin und weg sein. Der Gesang von Elli Riehl ist sehr expressionistisch ausgeprägt, bestimmend auf ein Ziel hinsteuernd, in seiner Klangfarbe vielleicht sogar noch intensiver als der von Eviga von Dornenreich, um hier mal eine ähnliche Vergleichsstimme anzuführen. Für alle Dornenreich-Fans dürfte diese CD somit allemal von großem Interesse sein. Passend zu diesem Gesang ist auch die Instrumentierung bestens abgestimmt. So warm und erdig und lebendig wie das Intro „+++++“ beginnt, so einfühlsam ist die gesamte Scheibe mitsamt die Texte aufgezogen – urweltlich, um es mit einem einzigen Wort zu sagen. Als Beispiel sei direkt der nachfolgende Track „Die Arme der Götter“ genannt, welcher mit der Vertonung der zweiten Strophe des Gedichts „Feiger Gedanken“ von Johann Wolfgang Goethe auftrumpft. Das wirkt stark volkstümlich, gaben diese Zeilen in Zeiten schlimmster Not den Menschen doch Zuversicht, weshalb diese Rezitation von einer ziemlich dramatisch erschallenden Musik und repetitivem, aufwühlendem Getrommel begleitet wird. Eine äußerst ergreifende, aber ebenso auffordernde Inszenierung!

Allen Gewalten
Zum Trutz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme
Der Götter herbei!

Ähnliches Bild kommt beim Titeltrack „Die Kornmuhme“ zustande, wo es um einen folkloristischen Dämon geht, der, wenn man alten Großmuttergeschichten Glauben schenken darf, alle Kinder, die sein Reich betreten, gefangen nimmt und sie nie mehr freigibt. Diese Muhme wohnt im Getreidefeld, welches sie vor den bösen Kindern, die das Getreide platt treten und zerstören wollen, bewacht und beschützt. Eine eher sehr nützliche Gestalt also, diese Korn- oder Roggenmuhme (sie hat noch zig andere, ähnlich klingende Namen), denn letztendlich schützt sie die Nahrungsgrundlage der sesshaften Menschheit vor der Unbefangenheit und Unwissenheit ihrer Kinder. Die hier dargereichte Musik klingt dementsprechend Gefahr verheißend, was unter anderem von einer quietschenden Gitarre bestens getragen wird. Die anderen Songs entführen uns noch tiefer in die geheimnisvolle Welt unserer heimatlichen Wälder, wo es hinter jedem Stock und Stein wahre Wunder zu entdecken gilt. Das Stück „Die Lichtung“ würde sich sogar bestens dazu eignen, eine Naturdokumentation mit Hintergrundmusik zu unterlegen. Insgesamt verfeinern viele tolle Field Recordings den Sound von Elli Riehl. Das geschieht auf natürlichste Art und Weise, was das Musikalische mit der Realität verschmelzen lässt. Dieses Werk ist ein ganz großer Wurf!

Zugehörigkeit zum Leben sei das Gesetz!

Dieses Split-Album ist in jeder Hinsicht eine absolut runde Sache, angefangen bei der sehr kunstvollen Digipak-Verpackung aus hochwertigem, weißem Karton mit Pergament-Banderole. Interessant für alle, die stets das Besondere suchen, aber auch für diejenigen, die der Meinung sind, schon alles gehört zu haben – nein, kann ich euch versichern, das habt ihr nicht! Klugscheißer, die immer genau wissen, wie etwas zu klingen hat, könnten hier dagegen voll einen auf den Deckel abbekommen. Es ist mehr eine Veröffentlichung für Naturromantiker! Es ist Leben gewordene Kunst seitens beider Künstler!


Tracklist „World of Stone“
1. Falx
2. Spear-Rain
3. Weapon Dancer
4. Læraðs Dögg

Tracklist „Die Kornmuhme“
1. +++++
2. Die Arme der Götter
3. Eilt herbei!
4. Die Kornmuhme
5. In den Erlen I
6. Die Lichtung
7. Das Tierdrama


Geschrieben von Adam am 9. Mai 2020