Yaşru - Börübay

Yasru – Börübay

WormHoleDeath
2016

Wie das Leben so spielt, entdeckt man vieles oft nicht sofort, sondern erst viel später, sei es durch Zufall oder eine glückliche Fügung, oder weil man explizit von irgendjemanden darauf aufmerksam gemacht wird. So war es auch bei mir, als die Scheibe „Börübay“ der türkischen Band Yaşru ihren Weg zu mir fand. Und seit ich diese zum ersten Mal in meinem CD-Spieler rotieren ließ, möchte ich diesen einzigartigen und hervorragenden, eine ganz spezielle Doom-Intensität verströmenden Folk Metal nicht mehr in meiner Musiksammlung missen, auch wenn ich mich als Nicht-Türke nicht im Geringsten mit der Thematik der dort dargebotenen Lieder identifizieren kann. Aber muss man dies auch immer? Natürlich nicht! Viel wichtiger sind Toleranz und Akzeptanz des andersartigen Gedankenguts sowie die damit einhergehende friedliche Koexistenz der globalen Unterschiede, die unsere Welt erst so bunt und vielfältig erscheinen lassen. Als kulturell offener Mensch macht es mir zudem stets viel Spaß Neues zu entdecken und mich mit neuen Themengebieten etwas genauer auseinandersetzen zu dürfen, und erst recht, wenn diese in so eine starke und emotionale Musik verpackt sind. Thematischer Gegenstand der Scheibe sind, was sich unschwer aus dem Cover-Artwork ablesen lässt, alte türkische Kultur und Folklore, primär (und vermutlich) wohl aber auch das Kriegertum des erst im letzten Jahrhundert zerfallenen, einst mächtigen Osmanischen Reiches (aus dem die heutige Türkei hervorgegangen ist) bzw. sogar noch aus der Zeit davor. Und auch wenn Krieg niemals etwas Schönes ist, werden vergangene Kämpfe, Siege und Heldentaten in Musik sowie Literatur der heimatlichen Kultur eines jeden Landes von den nachfolgenden Generationen oft mit Goldblatt überzogen (was hier auch die goldene Aufmachung der CD sicherlich gut erklärt). Man kann jedoch nicht abstreiten, dass die bei allen Kriegern überall auf der Welt gleichermaßen hochgeschätzten Werte und Tugenden wie z. B. Mut, Ehre und Stärke durchaus als sehr positiv zu sehen sind, wenn auch sie in der Wirklichkeit eines Krieges stets unvermeidbar mit Angst und Schrecken verwoben werden und dadurch die hässlichsten Blüten tragen können. Dennoch ist es nur natürlich, dass jedes Land ihren Helden und Gefallenen huldigt und sie später in zunehmendem Maße glorifiziert (auch hier bestätigen Ausnahmen wie immer die Regel), denn damit findet eine bestimmte Identifikation sowie Auseinandersetzung mit der Geschichte statt, was bei vielen Menschen meist auch den Wunsch nach einem ebenso ehrenvollen Leben erweckt. Und was kann an einem ehrenvollen Leben schlecht sein? Nichts natürlich, solange das Ehrenvolle bzw. die ehrenvollen Absichten sich nicht mit irgendwelchen negativen Gefühlen vermischen oder ganz und gar von ihnen infiziert werden, was leider häufig im Zuge einer Fehlinterpretation geschieht…

Nach dem kleinen philosophischen Exkurs ist aber nun endlich die Musik an der Reihe. Schon das recht ruhige Intro, passend um die schrillen, sich immer majestätisch anhörenden Schreie eines Adlers aufgewertet, lässt unverhofft Anflüge von großen Gefühlen sich im Geiste des Hörers ausbreiten. Der folgende Titeltrack (Börübay ist ein alttürkischer Name, der für Gesundheit und Stärke steht, hab ich mir sagen lassen) verstärkt noch dieses Empfinden und versetzt uns mit seiner dezenten, auffallend mystisch klingenden Melodie augenblicklich in eine längst vergangene Welt. Yaşru, was auch schon soviel wie Mysterium in der altertümlichen Sprache der Kök-Türken (manchmal auch Gök-Türken genannt) bedeutet, verstehen es meisterlich, die altüberlieferten folkloristischen Einflüsse und Instrumente ihres Landes bzw. ihrer Region mit modernen Metal-Klängen – hier epischer Doom – zu kombinieren. Das Ergebnis ist eine wahrlich ergreifende Musik, welche von jedem Hörer eine gewisse stolze Geisteshaltung einfordert. Am Beispiel dieser CD wird es wieder mehr als deutlich, dass Musik eine universale Sprache ist, die keine Grenzen kennt. Eine Inspirationsquelle stellt wohl auch das Lebenswerk des bekannten und leider viel zu früh verstorbenen türkischen Ausnahmekünstlers Barìş Manço (Barìş heißt übrigens Frieden auf Türkisch) dar, wovon das gecoverte und an vierter Stelle positionierte Lied „Nazar Eyle“ Zeugnis abgibt. Eine sehr gelungene Interpretation, welche die Stärken der Band nur noch zusätzlich unterstreicht. Zu diesen kann auch das permanente Wechselspiel zwischen dem volltönenden hellen und dunklen Gesang gezählt werden. Dadurch wird die Verschmelzung der gediegenen metallischen Härte des klassischen, zumeist im Mid-Tempo agierenden Dooms mit der instrumentellen Unbeschwertheit der traditionellen Folkmusik zu einer komplementären Einheit nur noch offensichtlicher, was in so einem Song wie „Atalara“ wirklich gut nachvollziehbar ist. Bei „Rüzgarìn Yìrlarì“ und (dem zweigeteilten) „Yaşru“, die zusammen mit dem Instrumentalstück „Hafis“ die zweite Hälfte des Albums ergeben, wird das Ganze dann noch ein Stück weiter auf die Spitze getrieben. Die dort präsente und geniale Melodieführung, die oft von einer Flöte getragen wird, lässt einfach keine musikalischen Wünsche offen und macht aus diesem Album ein kleines, aber wunderliches und von daher absolut empfehlenswertes Meisterwerk!

Tracklist
1. 552 AD (Börü)
2. Börübay
3. Atalara
4. Nazar Eyle (Barìş-Manço-Cover)
5. Rüzgarìn Yìrlarì
6. Hafis
7. Yaşru

Geschrieben von Adam am 22. März 2021