Rüyyn - S/T

Rüyyn – S/T

Les Acteurs de l’Ombre Productions
2021

Black Metal mit atmosphärischem Anspruch ist ein nicht ganz leicht zu beackerndes Feld. Denn der Grat zwischen minimalistisch ausorchestrierten, packenden, tragenden Klanglandschaften und öder Langweile ist allzu oft nur sehr schmal. Zumal die konkrete musikalische Ausgestaltung durchaus divers ausfallen kann: Von keyboardschwangeren Tolkien-Lobeshymnen – ein Hype, den Summoning vor ein paar Jahrzehnten losgetreten haben – über die Abertausenden an Depri-Black-Metal-Soloprojekten bis hin zu modernen Post-Rock-Hipster-Formationen ist alles dabei. Die Spielart der Musik gibt dabei oftmals nur wenig Aufschluss über deren Qualität, und die Spreu vom Weizen trennt sich auch nicht wirklich entlang der Genre-Grenzen. Gerade im Black Metal scheiden sich ja immer und immer wieder die Geister zwischen denjenigen, die ständig immer alles neu denken müssen, und denen, die den klassisch-trven, konservativ pseudo-elitären Mindsets des Genres und deren Akteuren frönen. Allzu oft scheint es zwischen Hipster-Studenten-Black-Metal-Bands im Flanellhemd und ewig gestrigen, selbsternannten Übermenschen, die mit Lack, Leder und Killernieten geschminkt wie Pandabären durch den Wald turnen, nichts zu geben. Doch gerade im französischsprachigen Umfeld der Szene tummeln sich immer wieder Bands, die sich vor allem durch eins auszeichnen: Kompromisslose Attitüde, die oftmals gar nicht so effektheischend daherkommt, wie wir es aus Skandinavien gewohnt sind. Und diese Einstellung bringt oft genug ganz famose, intelligent gemachte Musik hervor. Rüyyn, das taufrische Ein-Mann-Projekt mit einem unaussprechlichen Namen, ist so ein Fall.

Die Musik dieses Erstlingswerks, eine EP von gerade einmal einer halben Stunde Laufzeit, erscheint auf dem Papier zunächst einmal sehr standardmäßig. Mastermind Romain Paulet proklamiert, er wäre vor allem von klassischem Black Metal der 90er inspiriert und knüpfe an Bands wie Gorgoroth, Emperor, Deathspell Omega oder Blut aus Nord an; quasi eine Mischung aus düsterer norwegischer Epik und kakophoner französischer Raserei. Doch im Jahre 2021 klingt das alles nicht gerade danach, als würden hier alle musikalischen Register gezogen, um etwas ganz Neuartiges auf die Beine zu stellen. „Rüyyn“ ist düster, atmosphärisch dicht, manchmal schleppend, bricht aber oft genug aus dieser dunklen Lethargie aus und ergießt sich in schnellen, für den Black Metal so typischen Ausbrüchen. Die Produktion ist dicht, fast schon ein bisschen analog-warm, das Riffings artgerecht klassisch und das Songwriting abwechslungsreich genug, um nicht zu langweiligen, aber dennoch nicht übertrieben hektisch und gekünstelt überfrachtet, so dass die Motive und Ideen in den Songs die Möglichkeit haben, sich zu entfalten. Die EP hört sich teilweise wie eine Einladung in eine bekannte Welt an, eine eisige, menschenfeindliche Welt, aber dennoch eine vertraute Welt, denn die musikalischen Zitate, derer sich „Rüyyn“ bedient, sind mannigfaltig und geläufig. Mal ein epischer Gorgoroth-Blastbeat-Part mit überbordenden Mollharmonien, mal ein flächiges, leicht dissonantes Riff, wie sie Blut aus Nord auf ihren atmosphärischen Alben permanent abfeuern. Dazu die marschierenden Patterns, die die Snare zwischen all dem Gehacke als beinahe elegant groovende Momente einwirft – und die man von den genannten Verdächtigen insbesondere aus der rabiateren norwegischen Ecke oft gehört hat. Das Repertoire ist bekannt und vertraut und in der eisigen Atmosphäre, die auch das Cover verspricht, fühlen sich alle, die im klassischen europäischen Black Metal auch nur einigermaßen bewandert sind, schnell daheim. Die atmosphärischen Parts sind nie zu langwierig, die Blasts abwechslungsreich genug gestaltet, und in ihrem Zusammenspiel ergänzen sich die Songs in ihrer Einfachheit ganz wunderbar.

Nun man mag „Rüyyn“ vorwerfen, Musik nur auf diese unheimlich konservative Art zu erschaffen. Das ständige Zitieren der Klassiker des Genres, der Urväter, die zum (Un)Heiligen Gral fürs eigene musikalische Schaffen verklärt werden, ist durchaus kritikwürdig. Dann würde man allerdings darüber hinwegsehen müssen, dass „Rüyyn“ mit einem sehr, sehr stimmigen ästhetischen Konzept daherkommt, mit einem wunderschön gestalteten Digipak, Artwork und einer Platte, die von vorne bis hinten eine runde Sache ist. Man würde dann auch wohl bewusst ignorieren, dass die EP es schafft, von der ersten Minute an eine dichte Atmosphäre zu erschaffen, die ihre Hörer in eine eisige, dystopische Parallelwelt aufsaugt, die in ihrer Vertrautheit Spaß macht und äußerst kurzweilig ist. Und das muss man der Scheibe sehr hoch anrechnen. Auch wenn sie musikalisch eine – wenn auch recht gut gemachte – Mischung aus Gorgoroth und einer sehr zahmen Variante von Deathspell Omega sowie Blut aus Nord ist.

Tracklist
1. I
2. II
3. III
4. IV
5. …..

Geschrieben von Jonas am 15. Dezember 2021