Hangatyr - Sumpf der Fäule

Hangatyr – Sumpf der Fäule

Eigenproduktion
2025

Wenn Hangatyr ein neues Album vorlegen, wird einem gleich nach wenigen Takten bewusst, dass es hier um so viel mehr geht, als lediglich um einen weiteren der zahllosen gutklassigen, aber allzu oft leider auch recht beliebigen Tonträgern, die Tag für Tag das Licht der Pagan- und/oder Black-Metal-Welt erblicken. Die Tatsache, dass „Sumpf der Fäule“, das nunmehr schon vierte Album der Thüringer, einen ebenso ganz eigenen Charakter wie auch seine drei Vorgänger besitzt, macht deutlich, dass Hangatyr Musiker sind, die sich weiterentwickeln und denen es wichtig ist, ihre künstlerische Reife auch adäquat in Worte und Töne zu gießen. Aber keine Angst, liebe Fans: Ihr werdet die Band wiedererkennen und dieses – erfreulicherweise auch auf Vinyl veröffentlichte – Werk ebenso zu schätzen wissen wie ihr bisheriges Schaffen. Wer sich bisher noch nicht mit Hangatyr auseinandergesetzt hat und vielleicht den letzten Beweis benötigt, dass Black/Pagan Metal nicht nur extreme Musik, sondern auch Kunst als Ausdruck höchster Kreativität und unverstellter Individualität ist, der begebe sich ebenfalls unbedingt in die Düsternis des Sumpfes der Fäule!

Die beiden Gitarristen Alexander Knorr und Basti Ira türmen in dem „Sumpf der Fäule“ derart massive Klangwände auf, dass die Hörer in keinen anderen emotionalen Zustand als einzig nur in tiefste Ehrfurcht versetzt werden können. Beeindruckend ist dabei die einzigartige Verwobenheit der beiden Sechssaitigen, denn es wäre untertrieben, hier lediglich von Gitarrenspiel zu sprechen; was man hier zu hören bekommt, ist nichts weniger als erhabenste klangliche Magie. Tatsächlich gibt es nicht viele ähnliche Bands, die allein durch die Gitarrenarrangements eine so hypnotische Kraft entfalten, dass man sich ihr sofort mit Haut und Haar hingeben möchte. Wurde schon auf dem Vorgängerwerk „Kalt“ der Albumtitel perfekt in eine stimmige Klangfülle gegossen, gelingt dies Hangatyr auf „Sumpf der Fäule“ erneut meisterhaft. An die Stelle des harschen, lebensfeindlichen Winters ist jetzt der unbarmherzig in die Tiefe ziehende Sog des Sumpfes getreten. Dessen Vitalität besteht bekanntlich in seiner im Dunkeln wirkenden Kraft. Sie verschlingt auf unerbittliche Art und Weise alles Lebendige, das dort hineingerät, wodurch die zerstörerische Fäule einsetzt, ob man es möchte oder nicht! Insbesondere wenn man das Album über einen Kopfhörer auf sich einwirken lässt (was sich außerordentlich empfiehlt!) nehmt man in den zahlreichen spielerischen Details von Hördurchgang zu Hördurchgang immer mehr wahr, welch vernichtende, aber gleichzeitig Neues hervorbringende Energie zwischen den vermoderten Überresten des nicht mehr ganz Lebendigen schlummert. Diese wird auch durch das gleichsam subtile wie dynamisch pulsierende Bass-Spiel von Falk Weise exzellent in Szene gesetzt. Der Sumpf, den Hangatyr vor unserem inneren Auge entstehen lassen, hält uns vor allem deshalb über die gesamte Albumlänge in Atem, weil uns die in ihm wohnende Zerstörung einerseits beunruhigt – durch die traurige, todsichere und absolute Gewissheit, dass wir alle gleichermaßen eines Tages den Kräften der Natur unterliegen werden – aber auch etwas Tröstliches beherbergt.

Die Texte von Sänger Silvio Leser sind in ihrer Metaphorik einerseits offen für viele unterschiedliche Deutungen, andererseits drängen sich Assoziationen zum aktuellen Zeitgeschehen doch recht deutlich auf. Die Kraft seiner Lyrik kann darin gesehen werden, dass sie gemeinsam mit der Musik auch ganz individuelle Bilder bei den Hörern hervorruft. Was dabei vor das innere Auge tritt, ist erwartungsgemäß nicht schöner Art: Der Mensch, als ein sich selbst überhöhendes, von Natur und Spiritualität entfremdetes Wesen, führt durch seine destruktive Kultur letztlich den eigenen Untergang herbei. Letztendlich – und darin liegt ja die Faszination unseres geliebten Schwarzmetalls – hat das emotionale Durchleben derartig finsterer Szenarien eine ungemein selbstreinigende Wirkung auf die Seele. Und so etwas – so lautet das Fazit – schaffen eben nur wahre Künstler wie Hangatyr!

Tracklist
1. Sumpf der Fäule
2. Eine Wahrheit
3. Leichenmahl
4. Es webe Nacht
5. Fatales Gedeih
6. Dämmerung

Geschrieben von Niklas am 15. November 2025