Festung Nebelburg - Zurück ins Waldland

Festung Nebelburg – Zurück ins Waldland

Eigenproduktion
2025

Die Antwort auf die Frage, wohin uns die Reise beim Genuss des neuen Werkes der Festung Nebelburg führen wird, können Kenner des Projektes auch ohne einen Blick auf den Albumtitel rasch beantworten. Natürlich, es geht wieder in die Tiefen der Sagenwelt des bayrischen Waldes. Und auch neue Freunde des Projektes werden durch ein Hineinhören und Reinlesen in die spannenden Texte schnell eine Ahnung davon erhalten, worum es auf „Zurück ins Waldland“, dem in Eigenregie auf CD und nun auch als Vinyl veröffentlichten Drittwerk des genau in dieser Region beheimateten Musikers Nattulv geht.

Die Auseinandersetzung mit den nicht selten unheimlichen, mit allerhand skurrilen Wesen gespickten Sagen aus den Waldestiefen ist dabei viel mehr als nur ein schnell zusammengezimmertes Image, das dazu dienen soll, sich von den üblichen Klischees der harten Musik abzusetzen. Nattulv beschäftigt sich bereits seit seiner Kindheit detailverliebt und wissbegierig mit dem erzählerischen Schatz seiner Heimat. Seine fundierten Kenntnisse der alten Sagen gießt er dabei als leidenschaftlicher Geschichtenrzähler in mitreißende Worte, die dafür sorgen, dass diejenigen, die sich über die Musik hinaus auf eine die Phantasie beflügelnde Entdeckungstour rüsten möchten, fündig werden.

Aber auch die rein musikalische Betrachtung der Festung offenbart Großes: Die weite stilistische Bandbreite ist keinesfalls alltäglich und weiß durchweg zu begeistern. Durch Tremolo-Pickings der Gitarren und Blastbeat-Passagen beim Schlagzeug ist zwar ein gewisser spieltechnischer Bezug zum Black Metal vorhanden, gleichzeitig gibt es aber auch ganz traditionelle Heavy-Metal-Riffs und straighte Rockbeats zu hören, die an passender Stelle für eine willkommene Auflockerung der grandiosen Raserei sorgen. Dass Nattulv ein versierter Gitarrist ist, kommt auch in zahlreichen wunderschön gezupften Passagen zur Geltung, die uns immer wieder für einige Momente zur Ruhe kommen lassen. Selbstverständlich sind diese nur von kurzer Dauer, denn schon bald werden wir wieder mit metallischer Vehemenz in die Arme der das Album beherrschenden Hexen, Riesen und Spukgestalten getrieben.

An der sich immer wieder beim Hören einstellenden Empfindung, dass die Songs mehrheitlich auch allein mit Gesang und Akustikgitarre funktionieren könnten, zeigt sich, dass Nattulv viel mehr als nur ein weiterer der zahllosen Riffschmiede ist, sondern die Kompositionskunst ganz im Sinne großer Singer und Songwriter auf höchstem Niveau beherrscht (interessanter Fakt in diesem Zusammenhang: Pünktlich am Heiligabend 2025 präsentierte er auf Social Media eine schöne, bei Eiseskälte direkt im bayrischen Wald vorgetragene Unplugged-Version des Liedes „Die Hex‘ von Wittersitt“).

Gleich der Magie des bayrischen Waldes, welche die Menschen mal direkt anspringen, dann aber auch wieder eher langsam beschleichen kann, kriegen wir auf „Zurück ins Waldland“ Gitarrenmelodien zu hören, die sich entweder unmittelbar in den Gehörgängen einnisten oder sich ganz subtil in den Sinnen festsetzen. Gerade die eine oder andere Tonfolge im Hintergrund sorgt dafür, dass die Musik nicht langweilig wird, weil es von Hördurchgang zu Hördurchgang immer wieder Details zu entdecken gibt, die zunächst gar nicht wahrgenommen worden sind. In diesem Zusammenhang sei auch der Bass genannt, dem eine ungemein hohe Vitalität innenwohnt, wodurch die Arrangements zusätzlich veredelt werden. Der klanglich exzellent in Szene gesetzte Tieftöner ist dabei nur einer von zahlreichen Indikatoren für ein ausgesprochen transparentes Klangbild, das alle Instrumentalparts so zur Entfaltung bringt, wie sie es auch aufgrund ihrer Qualität verdient haben.

Ein besonders prägnantes musikalisches Stilmittel ist der variable Einsatz der Stimme. Es ist faszinierend, wie treffend die unterschiedlichsten gesanglichen Ausdrucksformen hier zum Einsatz gebracht werden. So steht der kraftvoll-klare Gesang im Vordergrund, wenn es um das nachvollziehbare Erzählen der jeweiligen Sage geht, wohingegen wildes Keifen und Schreien den Wahnsinn zum Ausdruck bringen, dem die mit den gruseligen Sagengestalten in Berührung kommenden Menschen anheimfallen. Besonders zu gefallen wissen dabei die Stellen, in denen diese beiden Gesangsstile raffiniert ineinander verwoben sind. Und natürlich darf bei einer tiefen Verwurzelung im Geschichtenschatz Bayerns eine ordentliche Portion der dortigen Mundart nicht fehlen, was wirklich herrlich klingt! Entgegen eventueller Sorgen kann aber festgehalten werden, dass für Hörer aus anderen Regionen Deutschlands vieles auch ohne Textblatt recht gut verständlich ist.

Für alle, die in der Hektik des Alltags nicht die Muße finden, sich durch das Anhören des gesamten Albums vorab eine eigene Vorstellung von Nattulvs Schaffen zu machen, sei als Appetithappen das Lied „Der Waldprophet“ herzlich empfohlen. Es bringt zum Abschluss des Werkes noch einmal alle genannten Charakteristika der Musik volltrefflich auf den Punkt und ist deshalb ausgesprochen repräsentativ für das Album.

„Zurück ins Waldland“ ist ein Album, das durch sein spezielles und sehr originelles Konzept sowie seine packende musikalische Umsetzung ganz klar in jede hartmetallische Sammlung gehört. Und noch mehr: Weil es eben kein Nullachtfünfzehn-Metal ist, dürften sich sogar zahlreiche aufgeschlossene Liebhaber urwüchsiger Rockmusik außerhalb des Metals dafür begeistern können. Prädikat: Besonders wertvoll!

Tracklist
1. Zurück ins Waldland
2. Wolfauslassen
3. Spuk auf dem Rachelsee
4. Über d’Grenz
5. Die Hex‘ von Wittersitt
6. Der Arberriese
7. Da Deife am Brechhaus
8. Der Waldprophet

Geschrieben von Niklas am 15. Mai 2026